Das Wirken der Kommunistischen Internationale hat die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidend mitgeprägt. Seit ihrer Gründung durch Lenin im Jahre 1919 war diese Weltorganisation ein Ausdruck der Entwicklung des internationalen Kommunismus, von den weltrevolutionären Hoffnungen der Anfangsjahre bis zur Instrumentalisierung durch die sowjetische Außenpolitik, die schließlich zur Auflösung durch Stalin im Zweiten Weltkrieg (1943) führte. Bis zum Ende der Sowjetunion mußte die Komintern von den Zeithistorikern erforscht werden, ohne daß die Archivbestände ihrer Zentrale in Moskau zugänglich waren. Dadurch waren offizielle Dokumente und Memoirenwerke die wichtigste Quelle für Darstellungen und Interpretationen, die zumal in den Zeiten des Kalten Krieges oft eher dem Werben um Parteinahme für oder gegen den Weltkommunismus als dem wissenschaftlichen Verständnis dienten.
Mit der Öffnung der Archive, vor allem des Komintern-Archivs in Moskau, sind für die sozialwissenschaftliche und historische Bearbeitung dieser abgeschlossenen Periode neue Voraussetzungen entstanden. Durch den Zugang zu den biographischen Daten des Personals der Komintern- von den prominenten Entscheidungsträgern bis hin zu bislang anonymen Mitarbeitern von Hilfsorganisationen im Vorfeld- besteht die Chance, ein umfassendes Profil dieser Weltorganisation zu erarbeiten. Dies soll durch ein Forschungsprojekt geschehen, in dem erfahrene Mitarbeiter des Moskauer Komintern-Archivs mit deutschen und westeuropäischen Komintern-Experten bei der Erfassung und der quellenkritischen Auswertung des in Moskau vorhandenen biographischen Materials zusammen- arbeiten. Das russisch-deutsche Gemeinschaftsprojekt wird an der Universität Hannover von den Instituten für Soziologie und Politische Wissenschaft koordiniert und durch die Volkswagenstiftung im Rahmen ihres Schwerpunktes "Diktaturen im Europa des 20. Jahrhunderts" gefördert.
Das Projekt erstreckt sich auf drei Jahre und strebt die möglichst vollständige Erfassung der an den Komintern-Aktivitäten beteiligten Personengruppen an. Es hat mit der Bearbeitung der relevanten Bestände des Komintern des Komintern-Archivs und der veröffentlichten kritischen Dokumente begonnen und wird nach einer Zwischenbilanz auf einer internationalen Tagung in Moskau im September 2000 verstärkt die Mitarbeit von Komintern-Experten in verschiedenen Ländern in Anspruch nehmen. Archivbestände außerhalb Rußlands werden zur Ergänzung und Vervollständigung herangezogen, mit wichtigen Trägern der deutschen und französischen Komintern-Forschung bestehen Austauschvereinbarung. Das Projekt eines biographischen Handbuches der Komintern soll nicht nur ein grundlegendes Standardnachschlagewerk für künftige Forschung bereitstellen, sondern auch selbst zu einer politisch-soziologischen Deutung der Struktur und Wirkensweise dieser internationalen Organisation gelangen, die sich auf bislang nicht erschlossene Daten gründen kann.